Azoren

Manöver des letzten Augenblicks

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Um die Mittagszeit haben wir Lajes auf Pico verlassen. Zuerst haben wir unsere Magellan ein weiteres mal seesicher aufgeräumt um dann die Leinen zu lösen. Es geht auf zu einem weiteren Schlag, welcher zwar nur auf die nächste Insel der Azoren geht immerhin aber 145 Seemeilen entfernt ist. So werden wir eine Nacht auf offener See verbringen bevor wir die östlich liegende Insel Sao Miguel erreichen.
Um die Mittagszeit ablegen in Lajes der Insel Pico bedeutet auch das wir einigen Touristenbooten welche auf Delphin- und Walwatchingtouren unterwegs sind begegnen werden. Denn um 12.00 Uhr kommen die Boote zurück welche die Vormittagstour beendet haben um ihre Boote mit den Touristen zu füllen welche die Nachmittagstour gebucht haben. So startet die Nachmittagsgruppe um 13.00 Uhr und die Boote fahren erneut hinaus. Erstaunlich ist wie viele Touristen auf einmal unterwegs sind wenn die Tourgruppen sich wechseln. So viele Menschen in dem sonst so ruhigen Lajes zu sehen ist jeden Tag auf’s neue ganz eigenartig.
Das ablegen aus dem kleinen Hafen hat wunderbar funktioniert obwohl wir keinen geeigneten Platz hatten um ein sicheres Ablegemanöver zu fahren. Zudem wir noch Wind aus West, sprich quer zu unserem Schiff haben. So müssen wir einen Windstillen Augenblick abwarten um rückwärts die Hafenanlage verlassen zu können. Vor jedem herein und hinausfahren einer Marina sprechen wir ab wie die Manöver gefahren werden und so klappt es immer recht gut und vor allem ohne Schaden, was uns sehr wichtig ist, denn „hau-ruck“ Kapitäne gibt es genügend. Zudem fast jedes Manöver von mir gefahren wird und Tom sich vorne auf dem Vordeck befindet um im rechten Moment von Bord zu springen und unser Schiff an den jeweiligen Pollern zu befestigen. So also bin ich, nach dem besprechen wie wir aus diesem Hafenplatz am besten hinausfahren an der Pinne. Alles klappt bestens und es geht ein weiteres mal hinaus auf die weite See.
Alleine sind wir jedoch nicht da draussen, denn wie schon unsere Vorahnung war sind einige Boote zum Walwatching unterwegs. Diese, so scheint es uns eher auf der Suche nach Delphinen sind statt Wale zu orten. Kaum wird eine Gruppe Delphine entdeckt rasen alle mit grossem Tempo zu diesem Ort. Da wir aber schon von so vielen Delphingruppen begleitet wurden ist dieses Motorboot rennen, von Delphingruppe zu Delphingruppe für uns fast nicht zu glauben. Schrecklich dieses Bild das die Touristen von sich geben, nur um einige Bilder von diesen, doch so friedlichen Tieren, mit ihren Handy’s und Kameras zu ergattern. Da haben wir es um einiges einfacher, denn die Delphine kommen zu uns und schwimmen dann Minutenlang mit uns mit. So als würden sie sich ein Spiel mit unserer Bugwelle liefern. So viele herrliche Momente haben wir immer wieder mit den Delphinen ohne sie verfolgen zu müssen. Doch und da sind Tom und ich uns einig, ist es besser Wale und Delphine zu schauen als Wale zu töten. Doch machen wir uns einen Spass daraus den Gummibooten beladen mit vielen Touristen zuzusehen wie die weite Strecken zurücklegen um ihrer Kundschaft etwas zu bieten. Genau in dem Moment wo wir dieses Unterfangen am bereden sind geschieht das fast unwahrscheinliche, denn nur 50 Meter neben uns hören wir auf ein mal ein tiefes Ausatmen eines Pottwales. Das ausströmende Wasser das er aus seinem Luftloch pustet hinterlässt eine zwei Meter hohe Wasserfontäne. Ich jauchze vor Freude und im selben Augenblick taucht ein zweites Tier auf. Graziös und mit gut hörbaren Atemzügen schwimmen sie friedlich neben uns her. Sprachlos bestaunen wir die beiden grossen Viecher und können es kaum fassen. Die Touristenboote sind in weiter Entfernung von uns und wir beide kommen zum staunen nicht mehr heraus. Unsere Blicke weichen keinen Meter von den Pottwalen weg und das ausatmen durch die Luftlöcher lässt andauernde Wasserfontänen hochspringen. Die Pottwale haben eine so stattliche Grösse das die Magellan nebenan klein erscheint. Noch einen letzten tiefen Atemzug, dann kommt der Körper noch etwas mehr aus dem Wasser und die beiden tauchen wieder ab. Wobei sich der grössere von den beiden Pottwalen es sich nicht nehmen lies, seine gesamte Schwanzflosse aus dem Wasser zu heben und wir sahen ein postkartenähnliches Bild. Wunderbar so eine Pottwalflosse in Live zu sehen und dies in so geringem Abstand. Nun hatten wir Gesprächstoff für den ganzen Abend. Einfach eine einmalige Sache ein solches Tier in Live zu erleben und zu sehen. Wobei wir gar nicht darauf aus waren einen Pottwal zu sehen denn dazu braucht man auch etwas Glück.

Die Wasserfontäne beim ausatmen des Pottwales ist gut zu sehen und ein sehr auffälliges Zeichen das es sich auch wirklich um einen Walfisch handelt…
…vor dem abtauchen kommt einen grossen Teil des Körpers zum Wasser heraus.

Mich jedoch hat der Anblick sehr erfreut, was vielleicht ein mit Grund war das ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Habe mich in meinem Bett hin und her gedreht bis mich Tom in den Morgenstunden zur Wachablöse aus meinen Federn holte. Frisch ja schon eher kalt erscheint es mir als ich mich in das Cockpit begab. Schnell hole ich mir noch meine Jacke und die Wolldecke um mich gut einzuhüllen. Die Zeit bis die Sonne aufgeht vergeht nur langsam, was wahrscheinlich damit zu tun hat dass ich nicht wirklich geschlafen habe. Es fröstelt mich am ganzen Körper und ich bin froh als ich um 7.00 Uhr endlich die ersten Sonnenstrahlen die mir etwas Wärme in das Cockpit bringen spüren kann. Also stelle ich mich auf die Beine und Strecke meinen Kopf aus dem Cockpit denn die Sonne kommt von West, also von Vorne. Mit dem Blick in die Fahrtrichtung stehe ich nun da und versuche mich etwas aufzuwärmen als ich unmittelbar vor mir etwas grosses im Wasser sehe. Mein erster Gedanke da schwimmt Treibgut genau vor unserem Bug. Doch das muss viel Treibgut sein, denn die Grösse dieses Dings war enorm. Doch bei genauem hinschauen sehe ich dass es ein Pottwal ist, der um zu Atmen an der Oberfläche schwimmt. 10 Meter vor unserem Bug macht sich dieses Viech breit und macht nicht den Anschein wegzuschwimmen. Wir kommen mit 4.5 Knoten Fahrt daher und sind unmittelbar auf Kollisionskurs mit dem Wal. Ein lauter Schrei von mir hallt durch die ruhige Morgenstunde. Ich greife mir sofort die Pinne, welche durch den Autopiloten gesteuert wird und reisse sie herum. Ich hatte nicht einmal mehr die Zeit den Autopiloten auf Standby zu drücken, habe ihn nur noch aus der Halterung gezerrt um eine Kollision mit dem riesigen Tier zu vermeiden. Ein Segelschiff reagiert relativ träge und in diesem Augenblick kommt es mir noch viel träger vor. Ich reisse die Pinne herum was geht, sehen den Wal immer grösser und grösser werden. Nun sind es noch 5 Meter und ich warte schon auf den Zusammenstoss wo sich endlich auch das Tier entscheidet zu reagieren und sich auf den Weg macht abzutauchen. Doch dieses Tier bewegt sich noch träger als unsere Magellan, so erscheint es mir als bewege sich der Pottwal im Zeitlupentempo. Zuerst kommt der Wal genau so wie die die wir gestern gesehen haben noch etwas mehr zum Wasser heraus um Schwung zum abtauchen mitzunehmen. Dann taucht zuerst der Kopf dann der Körper und zuletzt die Flosse welche zuerst senkrecht zum Wasser heraus kommt und dann langsam in die Tiefe verschwindet. Ich warte nach wie vor auf den Aufprall…als Tom den ich durch meinen Schrei aufgeweckt habe endlich in das Cockpit gestürzt kommt. Da ich davon ausgehe dass noch weitere Pottwale in der Nähe sind halte ich einen stetigen Rundumblick und versuche Tom die beinahe Kollision zu erzählen. Zitternd stehe ich an der Pinne und habe nach wie vor das Gefühl es müsste doch irgendwann noch gewaltig rumpeln und scheppern. Habe soeben ein Manöver des letzten Augenblicks gefahren und kann mich kaum beruhigen. Tom stellt erst einmal den Autopiloten endlich auf Standby, denn dieser arbeitet nach wie vor vor sich her. Dann nimmt er mir die Pinne aus der Hand und versucht mich zu beruhigen, was ihm ausnahmsweise nicht gelingt. Der Schock dieser beinahe Kollision steckt noch eine Stunde später in meinem Körper und mein zittern will kein Ende nehmen.

Das Bild der Schwanzflosse ist atemberaubend und sehr eindrücklich.

Unglaublich, denn Geschichten und Bilder von Segelschiffen die mit Walen zusammengestossen sind gibt es einige und solche Segler die eine Kollision mit einem Wal hatten haben wir auch selber kennengelernt. Doch dass uns so etwas passieren könnte, hätte ich im Traum nicht gedacht. 

Zum Glück waren wir nicht schneller unterwegs, so konnten uns unsere Schutzengel gut folgen und haben uns ein weiteres Mal vor schlimmerem bewahrt.