Dominikanische Republik

Keinen Plan!!!

Ich weiss nicht genau wie viel Zeit seit dem Aufprall vergangen ist. Keiner rührt sich in den Unfallautos. Jessica, Tom und ich sind ausser total geschockt nicht verletzt. Zum Glück! Doch was ist mit den anderen beteiligten? Der grosse LKW ist weitergefahren, der Regen prasselt nach wie vor vom Himmel, ansonsten erscheint mir alles sehr ruhig. Geistesgegenwärtig drücke ich den Knopf vom Pannenblinker. Immer noch rührt sich keiner in den anderen Autos. Die Strasse scheint plötzlich Auto los zu sein. Keiner zu sehen, nicht hinten nicht vorne. Dabei stehen wir auf einer Strasse die Kilometerlang einfach nur gerade aus führt. Endlos lange geht die Sicht nach vorne. Genau so weit nach hinten. Wie bitte schön um alles in der Welt kann uns jemand übersehen! Keine Ahnung was der hinter uns fahrende Automobilist gerade gemacht hat als er in uns krachte. Definitiv hatte er seine Augen nicht auf der Strasse. Dutzende von Gedanken schwirrten gleichzeitig durch meinen Kopf. Und die Ungewissheit, keiner steigt aus den Autos aus ist unerträglich. Der Blick nach vorne verriet uns nichts gutes, da unsere Kühlerhaube doch sehr eingedrückt scheint. Der Blick nach hinten ist noch etwas beängstigender. Die Heckscheibe war weg und der Scheibenwischer sehr stark verkrümmt. Warum auch immer sich unsere Airbags nicht ausgelöst haben. Dass weiss keiner. Im Nachhinein waren wir froh, nicht noch einen weiteren Knall erleben zu müssen. Denn der Aufprall hat schon laut genug gekracht. Das laue Gefühl im ganzen Körper, vermischt mit viel Adrenalin macht das weitere Handeln nicht einfacher. Und der Gedanke; hoffentlich fährt uns nicht noch ein nächstes Auto auf unsere Unfallstelle auf, lässt mich dann endlich handeln. Mit langsamer Bewegung steige ich zu unserem Kia aus. Ich stehe mitten auf der Schnellstrasse Nagua-Samana und es regnet fest. Sofort werde ich wach und bin zurück in der Realität. Der erste Schock scheint vorüber zu sein. Handeln ist nun angesagt. Ich habe noch nicht so genau einen Plan was nun schritt für schritt zu tun ist. Doch das wichtigste scheint für mich, wie geht es allen Beteiligten in den anderen zwei Fahrzeugen? Ich stehe nun auf der Strasse und muss mich entscheiden ob ich zuerst nach vorne zum Pick-Up eile um nachzusehen ob alles so weit in Ordnung ist, oder ob meine Aufmerksamkeit zuerst dem Unfallverursacher, also dem Kleintransporter hinter uns wichtiger ist. Ich fühle mich schwach und alleine. Bin im selben Moment klitsch nass. Mein ärmelloses T-Shirt wie auch mein umbinde Rock wurden vom starken Regen in wenigen Sekunden durchtränkt. Endlich schaffe ich es mich zu entscheiden und finde es für sinnvoll zuerst beim Pick-Up vor uns nachzusehen. Denn die können ja genau so wenig dafür wie ich. Die Armen wurden von mir heftigst „angerumpst“ ohne jede Vorwarnung. Genau so wie es uns auch geschah. Auf dem Weg zum Pick-Up, der ja nicht sehr weit war, mir jedoch unendlich erschien, hatte ich nach wie vor das Gefühl, alleine auf dieser Welt unterwegs zu sein. Um nicht mitten auf der Strass zu stehen ging ich zur Beifahrertür des Autos und zog am Türgriff. Im selben Augenblick wo ich die Tür öffnete sah ich eine Junge Frau mit Ihrem kleinen, weinendem Kind auf ihrem Schoss. Neben ihr ein ca 40 Jahre alten Mann. Und dieser Typ hat dem ganzen Übel noch eines darauf gesetzt. In einem undeutlichen Spanisch hat der mich angebrüllt. Verstanden habe ich kein Wort. Gespürt jedoch habe ich das er mich für die ganze Situation verantwortlich macht.Mit dem Finger fuchtelt er an der jungen Frau vorbei in meine Richtung. Wenn Blicke töten könnten wäre ich unmittelbar neben seinem Auto gestorben. Mit einer Handbewegung versuche ich ihm zu erklären das er mal eine Runde herunterfahren soll. Doch alles nützt nichts. Der Typ hört nicht auf herumzuschreien und mit seinen Händen im schnellen Tackt in meine Richtung zu gestikulieren. Das kleine Kind schreit und weint gleichzeitig. Nicht weil es verletzt war. Viel mehr weil es geschockt war und dieser Typ so schreit. Und in dem Moment wo ich wirklich das Gefühl habe im falschen Film zu stecken, steht Jessica neben mir. Ein Stein so Gross wie eine Tonne fällt von mir ab. Ich stecke nicht mehr ganz so alleine in dieser Ausweglos scheinenden Situation. Jessica und ich stehen nun beide neben dem Pick-Up, nass. Versuchen nun beide den Mann zu beruhigen. Doch der schreit unaufhörlich weiter und beschuldigt uns auf’s Gröbste. Im Nachhinein sind wir froh nicht’s verstanden zu haben von all dem bösen was er uns in diesem Moment zu schrie. Diese schier unerträgliche Situation, der schimpfende Mann…so kommen wir nicht weiter. Also sage ich zu ihm, wir brauchen die Polizei…was ein grosser Fehler war. Denn diese Aussage von mir wegen der Polizei brachte ihn noch mehr in rasche. Eigentlich sollte er froh sein, dass uns nicht mehr zugestossen ist, doch er war nicht zu beruhigen. Genau so wenig das kleine Kind. Die einzige die noch etwas Klarheit in die Situation brachte war die junge Frau. Also zog ich sie mit einem Griff aus dem Pick-Up und verfrachtete sie zusammen mit Jessica in unseren verbeulten Kia. Mit der Aufgabe einige Telefonate zu starten. Polizei, Autovermietung ect. Das war geregelt. Jessica hat gut reagiert und sofort los telefoniert. Die zwei sind so weit versorgt und einige Massnahmen werden nun eingeleitet. Endlich ist es an der Zeit mich um das hintere Fahrzeug und seine Insassen zu kümmern. Der Pick-Up Typ, der mittlerweile auch aus seinem Auto gestiegen ist nimmt die Verfolgung zu mir auf. Nach wie vor höre ich ihn wütend schreien und gestikulieren. Ich versuche ihn mir möglichst vom Halse zu halten. Die jungen Männer vom hinteren Fahrzeug, steigen nun auch endlich aus dem Kleintransporter aus. Glück im Unglück – sind Sie ausser einem Schock nicht weiter verletzt. Doch zu brauchen sind sie nicht. Zu tief sitzt der Schock in ihren Knochen. Für mich fast bemitleidenswert, die sind nicht mehr fähig um zu handeln. Nichts geht, alle stehen regungslos neben den Autos und verstehen die Situation nicht. Nur der Pick-Up Fahrer sieht in diesem Moment was wirklich geschehen ist. Checkt zum ersten mal, das ich ja ein Claudia-Sandwich bin. Zum Unfall selber also keine Schuld trage. Im selben Augenblick wo er sieht da ist ja der Junge Mann vom Kleintransporter der schuldige, lässt er von mir ab und schreit den jungen Mann an. Gut für mich, ich habe endlich dieses schreiende, grosse Ungetüm vom Hals. Schlecht für den jungen Mann, der hat schon Schock genug. Wird nun von seinem Landsmann so richtig zur Schnecke gemacht. Geht ja wohl gar nicht. Was denkt sich der? Keiner macht so was mit Absicht und keiner wünscht sich einen Unfall. Natürlich ist der junge Mann ungebremst in uns gerast. Natürlich ist er der schuldige. Doch keiner von uns ist wirklich fest verletzt. Also müssten wir doch alle guter Hoffnung sein und unseren Schutzengeln danken. Stattdessen führt der sich auf wie ein (riesen Arschloch)!!! Da stehen zwei Autos auf der Strasse die nicht mehr fahrtauglich sind. Da sind 8 Personen involviert und keiner ist wirklich verletzt. So viel Glück muss man zuerst mal haben.
Jessica hat eine gefühlte Ewigkeit im Kia verbracht um mit diversen Leuten zu sprechen. Die junge Mama, aus dem Pick-Up, ist ebenso im Kia zur Mithilfe. Die war wirklich eine grosse Hilfe. Warum auch immer ich mein Handy holte, keine Ahnung, doch es erschien mir wichtig die ganze Situation genauestens zu fotografieren. Sogar die Nummernschilder der beiden anderen Fahrzeuge habe ich mit meinem Handy fotografiert. Leider hat auch der Regen mittlerweile wieder stärker zugenommen. Dass spielte eigentlich nicht so eine grosse Rolle. Denn nass waren wir sowieso durch und durch. Das kleine Mädchen war ununterbrochen am weinen. Der Mann aus dem Pick-Up nach wie vor am schimpfen.

Der Fahrer des Pick-Up’s im blauen T-Shirt flucht mit dem Fahrer der das Ganze verursacht hat.

Egal wer sein Gegenüber war, diese Person bekam seinen Frust deutlich zu spüren.
Endlich, Jessica und die junge Frau steigen aus unserem verbeulten Kia aus. Ich versuchte nicht nur das Kind zu beruhigen, sondern will endlich wissen wen sie nun alles aufgeboten hätten. Kaum war Jessica dabei mir alles zu berichten….da fährt der Pick-Up auch schon weg.

Autonummer des Pick-Up’s.

Auf und davon, so quasi auf nimmer wieder sehen. Nun standen also nur noch zwei Autos auf dem Schadenplatz. Die Information, das die Polizei auf den Platz kommt hat ihm wohl wirklich den Rest gegeben. Keine Ahnung wie viele Minuten es nun dauerte.

Autonummer des Unfallverursachers, der konnte eh nicht mehr fahren.

Auf jeden Fall ging es nun ruck zuck, schon standen drei Männer von der Verkehrssicherheit vor Ort und sperrten unsere Strassenseite ab. Ein weiteres Auto des Pannendienstes fuhr vor und drei weitere Männer standen da. Woher der Polizist kam habe ich keine Ahnung, doch der stand auch auf ein mal da. Zusätzlich stand da noch plötzlich der Chef der beiden Jungen Männer die den Unfall verursacht haben. Ein weiterer Lieferwagen fuhr vor um das Material vom hintersten kaputten Transporter um zu laden. Aus diesem Lieferwagen stiegen zwei weitere Männer aus. Die Autos die in der entgegenkommender Richtung vorbeifuhren wollten alle auch noch helfen. Wow, vor 10 Minuten hat es mächtig gerumst und die Stille zog ein. Nun ist ein Treiben, mehr geht nicht. Alle wollen was und quatschen aufeinander ein. Der Polizist wollte sogleich meinen Ausweis und die Wagenpapiere. Die somit für die nächsten Stunden in seinen Händen hin und her geschoben wurden. Natürlich nicht nur meine Papiere, auch die des jungen Unfallverursachers. Obendrein staunen die nicht schlecht wenn ihnen eine Frau einen Führerausweis entgegen hält. Hier ist Frau am Steuer nicht an der Tagesordnung. Zudem die noch nie einen Schweizer Führerausweis gesehen, geschweige dann in der Hand hatten. Über die Frage warum mein Auto vorne dann auch so verbeult sei, konnte ich nicht lachen. Fand ich wirklich nicht toll, dass der Pick-Up nicht mehr vor uns stand als der Polizist die Situation begutachtet. Meine Aussage, da stand noch ein anderes Auto, hat beim Herrn Polizisten nur grosse Augen ausgelöst. Wo denn das andere Auto sei wollte er wissen? Tja, das weiss ich leider auch nicht! Eine super Aussage!!! Doch zum Glück konnte ich mein Handy nehmen und ihm die ganze Situation bildlich zeigen. Die Verkehrsmänner wie auch der Polizist haben bestimmt sieben mal gefragt wo denn der hin sei? Doch auch wir hatten keine Erklärung für sein verschwinden. Alle Fotos waren nun inspiziert und ich konnte endlich mein Handy wieder ins trockene verstauen. In einem Badetuch eigehüllt standen Jessica, Tom und ich da. Es begann zu dämmern und es wurde kalt. Die nassen Kleider, der Regen und unsere Müdigkeit setzten uns zu. Waren wir doch immerhin einen Tag unterwegs und hatten so viele Eindrücke mit dabei. 20 Kilometer mehr und unser Ziel wäre erreicht gewesen. Stattdessen stehen wir seit bestimmt 1.5 Stunden hier und keiner hat einen Plan wie es weiter gehen soll. So auf jeden Fall macht es auf uns den Anschein. Der einzige der die Situation einigermassen im Griff hat scheint mir der Arbeitgeber der Jungs zu sein. Der bestimmt dann irgendwie auch, dass wir nun von der Strasse müssen und uns auf dem Polizeiposten in Nagua wieder treffen. Uns ist eigentlich egal wo wir hin müssen, wichtig ist nur dass wir an den selben Ort kommen wie unser kaputtes Auto. Der Polizist versichert uns dies mehrmals. So werden also die zwei fahruntauglichen Autos aufgeladen. Für diese Aktion fahren natürlich zwei weitere Kleintransporter vor, und vier weitere Männer. Unglaublich wie viele Menschen hier sich tummeln. Jessica und ich unterhalten uns auf spanisch an allen Ecken.

Unsere Heckscheibe wie auch das auslaufende Oil werden an den Rand gewischt und bleiben liegen.

Alle reden auf uns ein und keiner hat einen Plan. Also steigen wir zu den Verkehrswärtern/Pannenhilfe zu dritt hinten auf die Rückbank. Unser Gepäck auf den Knien. Die drei Männer quetschten sich vorne ins Auto. Ihre Aufgabe war es nun uns auf die Polizeistation in Nagua zu bringen. Auf dem Weg soll es ein Hotel geben wo wir schon mal ein – checken können, um dann nach dem Aufenthalt auf der Polizei, auch ein sicheres Bett zum schlafen zu haben. Zusammengedrückt in ihrem kleinen Fahrzeug, nass und kalt soll die Fahrt nun los gehen. Doch die Karre macht kein Wank. Der Zündschlüssel dreht sich doch der Wagen springt nicht an. Welch blöde Situation, zudem alle anderen Beteiligten schon weg sind. Unsere drei Strassenwärter kennen diese Situationen wohl schon und machen sich kurzerhand daran die Karre anzuschieben. Und es klappt sogar. Endlich sind wir auf der Fahrt Richtung Nagua, 16 Km entfernt. Doch unsere Fahrt gewährt nicht lange, schon geht uns das benötigte Gas (Gas betriebenes Auto) aus. Am Strassenrand stehend warten wir ein weiteres mal bis die Fahrt weiter gehen kann. Doch vorher muss einer der Jungs eine neue Gaspatrone organisieren. Was erstaunlich schnell ging. Denn 5 Minuten später ging unsere Fahrt weiter via Hotel, dann endlich Richtung Nagua. Tom zieht es vor im Hotel zu bleiben. Jessica und ich nehmen nach dem einchecken im Hotel, wieder Platz ein im Auto unserer Strassenwärter.
Der Polizist wollte meine Tochter in den Arm nehmen, dass mitten auf dem Unfallort weil sie ja so kalt hätte. Ein anderer Strassenwärter wollte sie direkt heiraten. Der nächste machte mir schöne Augen. So verstrich natürlich viel kostbare Zeit, schon auf dem Schadenplatz. Wäre es da nur um das Sachliche gegangen wäre die Situation einiges schneller zum Ende gekommen. Doch die planlosen Herren tun lieber flirten und träumen anstatt arbeiten und ihren Kopf für das Wesentliche einsetzen.

Polizeigebäude in Nagua

20.00 Uhr, Jessica und ich kommen endlich auf dem Polizeiposten in Nagua an. Davor steht sogar unser Kia, was uns sehr freut und noch weitere Unfall Autos.

Unfallautos vor dem Polizeigebäude in Nagua…
…und auch unser Kia.

Auf dem Polizeiposten ist noch ein reger Betrieb und wir werden direkt in einen Raum gebracht. Kaum zu glauben, der Raum war klein. Drei auf vier Meter gross und ein grosser Ventilator schmückt die Decke. In diesem Raum stand ein Tisch, hinter welchem sich ein Polizist, welcher kaum zu sehen ist, an einem Computer der Sorte Uralt zu schaffen macht. Und in diesem Raum befanden sich neben dem Polizisten am Schreibtisch, noch weitere 12 Personen. Vier Stühle, wovon einer vom Polizisten hinter dem Computer genutzt wird. Ein weiteres hin und her welches jedoch nur kurzer Dauer war und schon stand das Protokoll (im Entwurf). Wir konnten alle das Büro verlassen und wurden aufgefordert am nächsten Tag um 10.00 Uhr wieder zu kommen. Anscheinend nur Formsache, da gehe es noch um Unterschrift und Stempel. Endlich bekam ich meinen Führerausweis zurück. Etwas paff, dass wir die Polizeistation so schnell wieder verlassen können, sind wir schon. Guten Mutes lassen wir uns von den Herren vom Pannendienst in unser Hotel fahren. Eine frische Dusche mit heiss Wasser wäre nun das Beste für Jessica und mich. Denn unsere Kleider waren nach wie vor feucht. Eine Dusche gab es auch im Zimmer jedoch nur mit kaltem Wasser!!!