Azoren zum Festland Portugal

Der grosse Fisch

Die Zeit vergeht nur langsam und einer von uns muss stetig den Wind und die Segeleinstellung im Auge behalten. Ausnahmsweise nicht weil wir sehr viel Wind haben, nein gerade das Gegenteil ist der Fall. Windstärken von 7 Knoten bis höchstens 15 Knoten, dafür aus allen Richtungen. Kaum haben wir gute Winde von Nordwest drehen sie nach Nord um kurzerhand eine halbe Stunde später zurück auf Nordwest oder gar nach Nordost zu drehen. So wird es ein ewiges Spiel die Segelstellung neu auszurichten. Bei 15 Knoten muss das Grosstuch ins erste Reff gebunden werden da es immer sein kann das die Winde noch stärker zunehmen. So sind wir nun seit 36 Stunden mit unseren Tüchern beschäftigt und es ist noch kein Ende in Sicht. Die Sonne haben wir auch seit geraumer Zeit nicht mehr zu sehen bekommen, dafür wechseln sich diverse Wolken mit Nieselregen und starkregen kontinuierlich ab. Zudem sind die schon warmen Temperaturen Geschichte, so kommt es mir vor denn ich bin die meiste Zeit mit meinen Winterfinken und mit meinem Halstuch im Cockpit. Wenigstens macht uns der Seegang nicht zusätzlich das Leben schwer, denn durch die wenigen Winde ist auch die Welle sehr erträglich und kaum zu glauben dass wir hier auf dem Nordatlantik unterwegs sind. Dagegen macht die Strömung was sie will und die will alle paar Stunden was anderes. Oft gegen unseren Kurs den wir müssen nach Osten und die Strömung will eher Süd oder Südwest. So kommt es ein weiteres mal das wir stetig einen Knoten weniger Fahrt über Grund segeln als wir Fahrt durch das Wasser machen. Das ständige ändern der Segeleinstellung ermüdet und kaum ist der Wind optimal in den Tüchern und schiebt uns genüsslich voran dreht er sich wieder und das einstellen der Segel beginnt auf’s neue. Wenn wir 15 bis 20 Knoten Wind hätten dann wäre die perfekte Einstellung des Grosstuches und der Genua nicht so massgebend, denn vorwärts geht es dann sowieso. Doch wenn der Wind gerade mal 7 Knoten bringt und das von vorne oder querab so ist es um so wichtiger jeden Windhauch nutzen zu können um vorwärts zu kommen. Zudem wir wissen dass wir bis zum Sonntagnachmittag das Festland von Portugal erreichen müssen. Denn ab Sonntagmittag ist an der Küste Starkwind mit 30 Knoten angesagt und das macht ein einlaufen in einen uns nicht bekannten Hafen unmöglich. Zudem die Tide, also die Gezeitenunterschiede dermassen gross sind und somit Hafeneinfahrten gar nicht mehr zulassen. Also heisst das für uns jeden Windhauch und ist er noch so klein ausnutzen und die Fahrt Richtung Portugal so schnell wie möglich hinter uns zu bringen.
Die Anstrengung das Crew und Käpten 24 Stunden das Segel richtig trimmen müssen heisst auch das immer einer auf Wache und der andere im Bett um zu schlafen oder auch nur um zum ausruhen liegt. So sind wir uns ständig am abwechseln je nach Bedarf wer gerade liegen möchte.
Die momentane Fahrt geht in die zweite kühle Nacht hinein. Zum Glück ist die Luftfeuchtigkeit hier draussen nicht so gross was bedeutet dass nicht alles mit einem Schimmer von Nass überzogen ist. Dicht verhüllt in meiner Militärwolldecke sitze ich vor den Instrumenten im Cockpit und bediene je nach Notwendigkeit die Segel. Die Winde wechseln nach wie vor andauernd ihre Richtung. Es scheint mir so richtig kalt und der Mond der eigentlich hell vom Himmel scheinen sollte versteckt sich gut hinter den dicken Wolkenschichten. Eine Finsternis die wir sonst eigentlich nur bei Neumond kennen. Dabei haben wir uns schon darauf gefreut mit dem zunehmenden Mond unsere letzte Etappe über den Atlantik segeln zu können. Daraus ist bis jetzt leider nichts geworden, denn schon die letzte Nacht war schwarz und der Mond hatte keine Chance sich hinter den dicken Wolken nur auch ein kleines Lichtfenster frei machen zu können. Nun also scheint sich in der zweiten Nacht das ganze Spektakel, schwarz in schwarz zu wiederholen. Meine Regenjacke habe ich verschlossen bis obenhin und die Kaputze weit ins Gesicht gezogen. Eigentlich so kommt es mir vor würden nur noch Handschuhe fehlen, denn auch meine Hände frieren und spannen durch das viele ziehen an den Schoten. Ich sitze im Cockpit, es ist 23.17 Uhr als plötzlich die Spule der Angelrute ertönt. Ein abartig hartes rattern welches nicht aufhören will, so wie ich es vorher noch nie gehört hatte und ich habe doch mittlerweile schon einige male die Spule rattern gehört. Eilig schlage ich die Decke von mir weg und versuche die Rute aus dem Angelrutenhalter zu nehmen doch ich habe vorerst keine Chance. Der Fisch zieht und zieht und der Silch dreht sich im nu von der Spule. Gut zu wissen das Tom auf Sao Miguel in Delgada noch neuen Silch aufgezogen hat und das neu gekaufte Stahlvorfach einen Zug von 24 Kilogramm aushalten kann. Zudem sei dieses Stahlvorfach auch gut wenn man Haie fischen will. Doch das wollen wir auf keinen Fall. Endlich kommt ein kurzer Moment Ruhe auf die Spule was heisst der Fisch am Haken ist stehen geblieben. Ich kann endlich die Angelrute aus der Halterung nehmen und rufe mit einem lauten schrei nach Tom der sich genüsslich in seinem Bett unter der Decke seinem wohlverdienten Schlaf hin gibt. Doch Tom kennt meine Art von Schreirufen und kommt sofort ins Cockpit hinaus um sofort die Segel zu fieren um so die Fahrt aus dem Schiff zu nehmen. Tom das muss ein riesiger Fisch sein, so meine Worte als ich das erste mal die Bremse der Spule etwas zudrehe. Nur wenig den ich darf den Lauf ja nicht mit einem abrupten Stop unterbrechen sonst reisst der Silch und der Fisch ist weg. Zweihändig muss ich die Rute halten und mich selber an die Reling hängen, ansonsten würde mich das Tier ins Wasser ziehen so gewaltig reisst das Viech an der Rute. Immer noch zieht er mir Meter für Meter Silch von der Rolle und ich muss mit dem Daumen einmal kurz nachprüfen ob und wie viel Silch ich überhaupt noch auf der Spule habe. O.K mein Check hat mir gezeigt er kann noch etwas wegschwimmen, die 300 Meter sind noch nicht ganz abgezogen also würde ich gerne mit dem Drill beginnen. Doch ich habe nicht einmal die Chance die Rute anzuziehen um beim zurückfahren an der Kurbel zu drehen, denn der Fisch hält voll auf Zug und nimmt alle paar Sekunden wieder ausreiss. Gewaltig wie der abgeht und ich kann überhaupt nicht  reagieren ausser jedes mal wenn er stoppt die Bremse der Spule noch ein bisschen mehr zu drehen so dass es ihm immer schwerer fällt das Weite zu suchen. Gutes Fischerequipment ist wichtig um auch grosse Fische an Bord zu bekommen und wir haben gutes Material also sollte es kein Problem sein den Fisch doch noch irgend wann Drillen und bis zum Boot zu bekommen. Ich muss ihm nur etwas Zeit geben und mir die nötige Geduld und bei dem Gedanken macht es Zack. Weg ist der Fisch!!! Enttäuscht und kaum zu glauben drille ich nun endlich an der Spule und hole den Silch ein. Leider ohne Fisch. Die 250 Meter Silch die das Ungetüm abgezogen hat müsste doch irgendwann eine Rissstelle aufzeigen doch die kam nicht. Stattdessen und wir konnten es kaum glauben war das Stahlvorfach entzwei gerissen. Fisch mit samt dem Köder weg und das neue Vorfach welches wir zum ersten mal im Einsatz hatten durchgerissen. Dass muss wohl ein riesen Ding gewesen sein meint Tom, denn eben er hat das besonders teure und zugkräftige Vorfach gekauft. Ein Fisch über 24 Kilogram musste dass sein.

Grundsätzlich bin ich froh nicht so ein mega Fisch zum filetieren im Cockpit haben zu müssen. Zudem die dunkle Nacht alles noch etwas schwieriger gestaltet, da hilft auch das bisschen Licht im Cockpit nicht. Andererseits wäre das der ultimative Fang gewesen und ein Kühlschrank voller leckerer Mahlzeiten.
Kein Fisch stattdessen haben wir am nächsten Morgen zwei schöne Lula’s Calemares auf dem Vorschiff.

Lulas auf dem Schiff…
…die gehören jedoch nicht auf meinen Speiseplan!!!

Diese haben ein enormes Sprungtalent und landen ab und zu auf der Magellan, besonders in der Vollmondzeit dann kommen sie Nachts aus der Tiefe hinauf und veranstalten an der Wasseroberfläche ihre Tanz und Leuchtrituale. Dies konnten wir schon etliche male beobachten. Auf meinen Vorschlag hin, Käpten Tom könne sich nun statt leckeren Fisch leckere Calamares zubereiten wollte er nicht eingehen. Ich werde die beiden auch auf keinen Fall in die Pfanne legen um sie zu kochen, kann die Dinger nicht ein mal im Restaurant essen!!! Nein Danke…