Azoren

Aua-Aua-Aua-Aua…

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Vögel und ihr Gesang finde ich etwas ganz wunderbares. So hat es mich jeden Morgen wenn ich mein Auto beim Hintereingang des Friedhofs in Zollikon parkiert hatte total aufgestellt all die vielen verschiedenen Gesänge der Waldvögel zu hören. Besonders viel pfeifen und singen gibt es im Frühjahr. Ach wie sehr liebe ich diesen Gesang und das Gefühl willkommen zu sein. Denn einen solchen Empfang zu haben auf dem Weg zur Arbeit ist für mich ein Aufsteller. Der schönste und intensivste Vogelgesang habe ich in Costa Rica vernommen. Da war ich mit meiner Mutter 2013 und habe mit ihr dieses naturreiche Land besucht. Die vielen Gesänge der zahlreichen Vogelarten holten uns nicht selten schon um 5.00 Uhr in der früh aus dem Schlaf. Ein Gesang wie er schöner nicht sein kann. Solche Erlebnisse, und solch schöne Pfeifkonzerte hatten wir während unserer gesamten Zeit auf See kein einziges mal erlebt. Auch in den kleinen Antillen wie auch in der Dom. Rep. war ein so schönes Pfeifen nicht zu vernehmen. Schade für uns, denn eigentlich gibt es ja einige Vögel die lange Strecken zurücklegen und so unseren Weg kreuzen. Doch anscheinend bewegen wir uns nicht in den Regionen wo sich die singenden und pfeifenden Vögel aufhalten. Stattdessen haben wir es mit Meermöwen, Fregattvögel und Albatrossen zu tun, die sehr gute Gleiter sind und überaus gute Fischer. So haben wir zum Beispiel auf Carriacou Stunden damit verbracht Pelikane beim fischen zu beobachten. Was auch jedes mal spannend war. Doch leider singen auch die Pelikane nicht.
Die Azoren sind ein Anflugort diverser Vögel, die für einen Zwischenstop oder um sich eine Brutstätte zu suchen hier verweilen. Da es viele Vulkane gibt hat es auch dem entsprechend genügend Steilwände und Orte um zu Nisten.
Der am häufigsten vorkommende Vogel der hier um diese Jahreszeit seine Eier ausbrütet ist der Gelbschnabelsturmtaucher, welcher eine Ähnlichkeit mit einer Meermöwe hat. Zumindest was seine Grösse und sein seglerisches Können an geht. Tagsüber sind diese weiss braunen Tiere nur auf dem offenen Meer zu sehen, dann wenn sie auf Nahrungssuche sind. Als gute Fischer sind sie dann in Gruppen von ungefähr 30 Tieren unterwegs. In Landnähe jedoch sind sie am Tage kaum zu sichten. Ausser beim verlassen ihrer Brutstätte oder dann wenn sie vollgefressen wieder zurückkehren. Am Abend jedoch kann man nach diesen Tieren die Uhr stellen. Denn um 22.15 Uhr beginnt das grosse Balzen und dies dauert erstaunlicherweise die ganze Nacht hindurch bis in die frühen Morgenstunden. Sie drehen ihre Kreise über dem Land. Was natürlich auch heisst über der Marina. In Scharen von hunderten legen sie los und fliegen mal hoch und dann wieder tief über uns her. Ihre Flugrituale würden grundsätzlich nicht besonders auffallen, hätten sie nicht ihr lautes Kreischen, besser gesagt Jammern mit dabei. Denn ein lautes Aua-Aua-Aua-Aua begleitet ihren Flug. Das deutliche Aua ertönt so laut dass ich am Anfang einige Male dachte, nun hätte sich ein Kind verletzt. Es klingt fast so als würden sich die Gelbschnabelsturmtaucher ganze Geschichten erzählen während dem sie ihre nächtlichen Runden ziehen. Doch für unser Ohr hört sich jedes Aua-Aua-Aua genau gleich an. Dieses Aua-Aua Konzert kann einem sogar um den verdienten Schlaf bringen, denn jeder dieser Vögel schreit von Oben herunter und jeder, so kommt es mir vor möchte der lauteste sein und von allen gehört werden.

Wir haben mit diesen Vögeln jedoch schon auf dem Atlantik, kurz vor den Azoren einige Begegnungen gehabt. Eine davon war besonders übel. Wie fast immer waren wir mit der Angelrute im Schlepp unterwegs als die ersten  Gelbschnabelsturmtaucher auf unseren Gummiköder los gingen. Wir glaubten unseren Augen nicht zu trauen. Wussten nicht genau ob die einfach nur doof oder wirklich so fressgierig sind und sich auf alles was sich bewegt losgehen. Doch tatsächlich bemerken wir schnell, die sind fressgierig und machen nicht einmal vor einem roten Gummitintenfisch halt. Es ginge ja noch wenn sich nur einer dieser Vögel über unseren Köder hermacht, aber nein gleich die gesamte Flotte macht sich drüber her. Also mussten wir ruck zuck die Angelruten einziehen und mit Fischen aufhören. Dann abwarten bis die Vogelgruppe ihr weites suchen um kurz darauf unsere Köder wieder ins Wasser zu lassen. Anscheinend sind die Viecher noch blöder als wir dachten, denn kaum sind einige Minuten vergangen sind die Gelbschnabelsturmtaucher wieder da und machen sich erneut über unser Gummitintenfisch her. Wo auch immer sie herkommen wissen wir nicht, doch der Andrang und der Kampf den roten Köder zu schnappen ist riesig. Tom, der auf keinen Fall so ein Tier an der Angel haben möchte reagiert im nu und drillt den Haken wieder ein. Dieses Spiel geht über Stunden und das hereinziehen des Köders ist mit höchster Sorgfallt zu tun. Denn auch dann lassen sie nicht vom Gummifisch ab. Was heisst, in der Nähe der Azoren muss immer ein Auge nach hinten zum Haken gerichtet sein um das herankommen dieser Tiere rechtzeitig zu erkennen. Ich habe diese Geduld, vom ein und auswerfen des Köders nicht. Viel zu doof ist mir dieses Spiel. Doch Tom macht dies anscheinend nichts aus, denn viel zu wichtig ist ihm die Fischerei und natürlich auch das feine Essen das ich  mit dem gefangenen Fisch koche. Männer egal in welchem alter brauchen ihre Spielsachen, also lass auch ich den Käpten fischen.

Regen, Regen, Regen…doch die Angelrute ist noch gesetzt. Da war die Welt noch in Ordnung…

Dumm gelaufen war es als der Regen einsetzte und der Wind rasant zu nahm. Rasch mussten wir die Segel reffen und die Magellan regensicher verschliessen, wo wir ein lautes jammern hinter uns vernehmen. Keine fünf Minuten hatten wir die hinter uns her ziehenden Angelköder aus den Augen gelassen und schon war einer am Haken. Wobei ich noch drei Stunden vorher einen Witz darüber machte und zu Tom meinte…zur Abwechslung einen Vogel grillieren statt einen Fisch wäre doch mal was anderes. Er meinte darauf nur nein danke, er wüsste nicht genau wie er einen solchen Vogel entfedern sollte. Doch in dem Augenblick wo wir den Vogel am Haken hatten war uns beiden nicht mehr zum lachen. Zuerst mussten wir jedoch das Segel fertig binden, wir waren ja dabei zu reffen. Der Wind der Regen und der Vogel, alles auf ein mal machten im selben Moment unser Leben schwer. Kein schönes Gefühl…wirklich nicht, denn das arme Tier kam nicht mehr los vom Haken. Ich, planlos war ein weiteres mal im Glauben das Käpten Tom wieder einmal weiss was zu tun ist. Doch auch er hatte noch nie im Leben einen Vogel an seiner Fischerrute und meinte zu mir, du drillst ihn zum Schiff und er holt ihn dann zum Wasser heraus an Bord um ihn vom Haken zu befreien. Doch was mir mit Fischen einfach geht konnte ich in diesem Augenblick mit dem Gelbschnabelsturmtaucher nicht. Denn jedes mal wenn ich ihn heran drillen wollte ging der arme Kerl unter Wasser. Also nahm mir Tom die Rute aus der Hand und erledigte das herandrillen selber. Ich war nicht einmal fähig das ganze Spektakel mit anzusehen, so sehr tat mir das Vogelviech leid. Irgend wann kam der Befehl von Tom ich soll die Angelrute halten, der Vogel sei jetzt beim Schiff und er müsse ihn in das Cockpit holen. Also stand ich da, nach wie vor mit meinem Blick auf die andere Seite und wartete darauf bis der Gelbschnabelsturmtaucher mit samt Gummiköder im Boot war. Doch dieses Unterfangen schien für Tom gar nicht so einfach, denn der wilde Vogel liess sich natürlich nicht einfach so in die Hand nehmen. Endlich, Tom meint hilf mir und als ich meinen Blick zu ihm drehte waren seine Hände voller Blut. Erschrocken schaue ich zum Vogel, denn ich habe die Aufgabe das Tier vom Haken zu befreien. Sehe jedoch mit erstaunen das der Haken vom Köder gar nicht in seinem Körper steckt, denn nur der Silch hat sich im Flügel verfangen. Das Blut kommt aus Tom’s Händen. Beim greifen des Tieres hat dieser sich mit seinem scharfen Hakenschnabel so sehr an Händen vergriffen und ihn blutig gebissen. Zum Glück war das lösen des Silches aus seinem Federkleid keine grosse Sache. Das stillhalten für ein Foto danach jedoch schon schwieriger. Unsere Stimmung nach dem freilassen des Sturmtauchers war nicht mehr die Beste, konnten wir uns nun wenigstens im innern der Magellan aufwärmen und trockene Kleider anziehen, denn es regnet nach wie vor.  

….Tom mit seinem Gelbschnabelsturmtaucher…